"Die Einführung partikularer Interessen würde die Agentur mehr oder weniger schnell zum Verschwinden verurteilen" - Claude Moisy, ehemaliger Generaldirektor

Claude Moisy, ehemaliger AFP-Journalist, hat die Agentur von 1990 bis 1992 geleitet.

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Die AFP wird die Status-Änderung, die ihr bevorsteht, nicht überleben können.

Von Claude Moisy

"Die durch die Spekulationen über eine mögliche Änderung des gesetzlichen Status der Agence France-Presse (AFP) verursachte Agitation führt mich dazu, zum ersten Mal die Regel zu brechen, wonach sich ein ehemaliger Generaldirektor nicht in die Angelegenheiten des Betriebs einmischen soll. Ich tue dies, denn ich bin aufgrund meiner 35jährigen täglichen AFP-Erfahrung davon überzeugt, daß sie nur dank des widersprüchlichen und irren Status überleben kann, der ihr verliehen wurde, als sie im Januar 1957 vom Parlament entstaatlicht wurde.

"Ja, die AFP ist eine juristische und finanzielle Anomalie, eine unmögliche Wirklichkeit. Dieser "autonome Organismus" soll "nach den Regeln des Handelrechts" funktionieren, aber er hat weder Kapital noch Aktionäre. Schlimmer noch: Er wird von seinen Kunden verwaltet! Das Gesetz von 1957 schreibt auch vor, daß er vom Verkaufserlös seines Dienstes finanziert wird. Aber als dieses Gesetz verabschiedet wurde, gewann die AFP nur 20% ihrer Bertriebskosten auf dem freien Markt. Der Rest kam aus öffentlichen Mitteln, die schamhaft "Staatsabonnements" genannt wurden, um nicht von - für ein Informationsunternehmen störende - Subventionen zu sprechen. Demnach also ein paradoxaler Betrieb, der in einer Welt der freien Marktwirtschaft nicht existieren dürfte, der jedoch seit 42 Jahren funktioniert.

"Und der gar nicht mal so schlecht funktoniert, denn sie ist mit der amerikanischen Associated Press und der britischen Reuter eine der drei einzigen "weltweiten" Presseagenturen, die in der ganzen Welt allgemeine Nachrichten sammeln und diese in der ganzen Welt verkaufen. Aber von den dreien war sie immer die zerbrechlichste, bevor alle drei durch die von Internet verursachte Revolution des Kommunikationswesens geschwächt wurden. Associated Press, eine Kooperative der gigantischen nordamerikanischen Presse, verdiente genug auf ihrem nationalen Territorium um ihre Verluste in der restlichen Welt zu finanzieren.

"Seit sich Reuter Anfang der 80er Jahre in ein Instrument der Finanzmärkte verwandelt hat, ist die defizitäre Aktivität allgemeiner Nachrichten für die Medien eine Marginalie in ihrem Geschäftsumsatz geworden, und sie konnte dank der auf den Finanzmärkten erwirtschafteten Profite subventioniert werden.

"Wegen ihrer kleinen nationalen Basis und Französisch als Arbeitssprache hatte die AFP niemals die gleichen Möglichkeiten. Ohne Kapital, konnte sie die für die Einführung der neuen Kommunikationstechnologie erforderlichen Investitionen nur durch staatliche Kredite finanzieren,... die nicht immer zurückgezahlt wurden. Der Beitrag zur Finanzierung der AFP ist eines der Bestandteile der vielförmigen staatlichen Hilfe für die französischen Medien, die sonst für ihre Auslandsberichterstattung von zwei angelsächsischen Agenturen abhängig wären.

"Bisher gab es immer einen Konsens unter Politikern und hohen Beamten darüber, daß die Existenz der AFP ein Trumpf für Frankreich ist. Für sie waren das Prestige und der Einfluß dieses Instruments das Geld wert, das es kostete. Man kann darin gaullistische Züge sehen, wie in der Concorde, mit einem Schuß Illusion der Größe, aber eines steht fest, unausweichlich: Die AFP existiert nur dank des Willens des französischen Staates.

"Es gibt noch eine andere Anomalie in dem AFP-Abenteuer. Trotz ihrer finanziellen Abhängigkeit vom Staat, nachdem sie 1957 unabhängig wurde, wurde sie im Ausland schrittweise immer weniger als Regierungsagentur betrachtet. Im Gegenteil, sie hat die Reputation einer glaubwürdigen Informationsquelle erworben. Ihre Konkurrenten argumentieren nicht mehr damit, daß ihre teilweise öffentliche Finanzierung eine unloyale Konkurrenz darstelle, und sie haben ihren Professionalismus anerkannt. Dies geschah dank der Qualität eines großen Teils ihres Personals und der paradoxalen Regel, die Jean Marin, einer ihrer Gründerväter, formulierte: "Die AFP kann nur funktionieren, wenn derjenige, der zahlt, nicht das Kommando hat." Dieses Gebot hat nicht immer die Regierungen überzeugt, egal ob sie rechts oder links waren. Es gab Friktionen und Spannungen. Aber es kam nicht zum Bruch.

"Anscheinend wird der Konsens jetzt auf höchstem Niveau des Staates in Frage gestellt, und dem Gesetz über den AFP-Status scheinen tiefe Veränderungen bevorzustehen. Ohne die Intentionen der mit dem Dossier betrauten Verantwortlichen zu kennen, will ich ihnen meine Überzeugung aussprechen, daß die Einführung partikularer Interessen die Agentur mehr oder weniger schnell zum Verschwinden verurteilen würde.

"Es ist undenkbar daß ein Geschäftsmann, eine Gesellschaft oder eine andere Institution als der Staat langfristig Geld in einen strukturell defizitären Betrieb steckt, ohne letztendlich einen Ertrag aus seiner Investition zu erwarten. Käme es zu einer solchen "Öffnung", so würde diese eines Tages Umstrukturierungen, Stellenkürzungen, Neuorientierungen mit sich bringen, welche die Natur des Betriebs dermaßen radikal ändern würden, daß er seinen globalen Charakter verlöre.

"Das ist es, was in den 80er Jahren einer anderen großen Weltagentur passierte: der amerikanischen United Press International (UPI). Sie gehörte einer Familienstiftung, die aufgrund ihres Status gezwungen war, sich von ihr zu trennen sobald sie anfing, Geld zu verlieren. Nachdem sie in die Hände unerfahrener, ehrgeiziger Träumer und skrupelloser Abenteurer gefallen war, erfuhr sie allerlei Verwandlungen, bevor sie innerhalb von weniger als zehn Jahren verschwand.

"Ich sage nicht, daß die Agence France-Presse unbedingt in ihrem jetzigen Zustand erhalten bleiben muß, egal wie hoch dafür der Preis sei. Die Regierung des hochverschuldeten Frankreichs kann legitimerweise denken, daß zur Stunde der "Welt-on-line", wo jeder seine eigene "Information" verbreitet, die Finanzierung einer alten Weltagentur ein Spiel sei, das den Einsatz nicht wert ist. Sie kann zum Beispiel davon ausgehen, daß ein einfacher nationaler Kommuniqué-Briefkasten für sie nützlicher und weniger kostspielig wäre. Wenn dies der Fall ist, so muß sie das klar sagen, statt die Demontage zweitrangigen Leuten zu überlassen. Wenn dies nicht der Fall ist, und wenn sie will, daß die AFP ihren Rang in der Welt behält, so muß sie ihrer Verantwortung gerecht werden."

Claude Moisy ist Journalist, ehemaliger Generaldirektor der Agence France-Presse.

Links

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  • Claude Moisy : meine AFP-Jahren (1993). Auf der Website „L‘Express“ veröffentlichter Artikel